60' CD Review von Michael Ternai / mica

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Für schlichten und einfach gestrickten Rock war die Wiener Band Rosensprung ja noch nie bekannt. Aber was die vierköpfige Formation auf ihrem neuen Album “60´“ (Blauschacht) auf den Weg bringt, liegt schon sehr weit abseits jeglicher Norm. Mit herkömmlichen (Post-)Rock- oder Popbegrifflichkeiten hat das Ganze schlicht einfach gar nichts mehr zu tun. Was Tobias Leibetseder, Gernot Manhart, Roland Czaska und Robert Kern zelebrieren, ist eine sich von allen Genredefinitionen losgelöste Version experimenteller Klangkunst. Vielschichtig, schräg, unvorhersehbar, innovativ. Einfach anders.

Es gibt sie erfreulicherweise immer noch, jene MusikerInnen und Bands, die ohne nach links oder rechts zu blicken, ihr ganz eigenes Ding durchziehen, die von einer ausgeprägten Neugier und Experimentierfreude angetrieben, stets gewillt sind, ungewöhnliche  Pfade zu beschreiten. Rosensprung zählen ohne Zweifel zu dieser Gruppe. Dem herkömmlichen haben sich die Wiener immer schon verweigert. Eine Einstellung, die ganz besonders auf dem neuen Album “60´“ hörbar wird.

Nach Songstrukturen oder ähnlichem sucht man in den Stücken der Band vergeblich. Was bei Tobias Leibetseder (Gesang, Gitarre, Keys, Sounds), Gernot Manhart (Bass, Keys, Sounds), Roland Czaska (Gitarre, Keys, Sounds) und Robert Kern (Schlagzeug, Percussion) regiert, sind stete Steigerungen, atmosphärische, bis hin zum akustischen Ausbruch gebrachte Verdichtungen sowie überraschende Wechselspiele zwischen ruhigeren komplexen Freejazz-/Impro-Interpretationen, elektronischen Verfremdungen und eruptiven Noise-Momenten. 

Die live, in den engen Gassen Wiens entstandenen und aufgenommenen Stücke stellen die klangliche Umgebung miteinbeziehende Soundcollagen dar, die einem immerwährenden Transformationsprozess unterliegen. Die Band selbst spricht von einer Art „Hörfilm“. Eine Umschreibung, die treffender wohl kaum formuliert werden kann. Die Stücke erzählen Geschichten und lassen im Kopf des/der HörerIn assoziative Bilder entstehen. Das wirklich Wunderbare an den Stücken der vierköpfigen Band ist, dass diese ihre Geheimnisse niemals schon nach den ersten Momenten preisgeben. Vielmehr stellt jeder Track für sich eine einzigartige musikalische Reise dar, deren Ziel sich erst am Ende offenbart. 

“60´“ ist ein ungewöhnliches und aufregendes Stück Musik geworden. Hier regiert das Verständnis, dass stilistische Kategorisierungen oder traditionelle Definitionsmuster längst nicht mehr greifen. Was die ganze sache auch so spannend macht. Das Album ist einfach ein Muss für jeden Liebhaber anspruchsvoller Klänge.

 

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(Michael Ternai / mica)