Die Wiener und ihre Stadt. 60' CD Review von Rigo Dittmann / Bad Alchemy

ROSENSPRUNG 60' (Blauschacht, B 2011-1):
Die Wiener und ihre Stadt. Nachdem Markus Steinkellner & Andreas Tschernkowitsch auf dem Dach der Wiener Bibliothek ihren Urban Loritz Jam (Wire Globe, 2010) inmitten der erwachenden Stadt gespielt haben, interagierte diese ebenfalls Wiener Formation in der Geblergasse vor dem Tonstudio Blauschacht auf Augenhöhe mit dem Alltag im 17. Gemeindebezirk. Tobias Leibetseder, Roland Czaska, Gernot Manhart und Robert Kern improvisieren mit Gitarren, Keyboards, Bass, Percussion und Sounds, was an sich ein postrockiges, wenn auch soundlastiges Klangbild ergibt. Konrad Weißensteiner am Saxophon und Axel Weinundbrot am Fagott öffnen aber diese Rahmung hin zu jazziger Urbanität, wenn man 'jazzig' ebenfalls als Sound nimmt und als Stimmung. Wie beim nächtlichen Cruising von Bohren und der Club of Gore. Der Instrumentalklang quillt vom Gehsteig die Gasse entlang, sickert in die Mauerfugen, beschlägt die Schaufenster. Stimmen mischen sich ein, Verkehrgeräusche. Die Intensität der Gitarren nimmt zu mit ausgiebigen Klangeffekten und Elektronoise. Kern sorgt mit perkussiver Phantasie dafür, dass das nicht vorschnell auf eine rockige Schmalspur einschwenkt. Leibetseder singt: Öffnet das Fenster. Das Saxophon sprüht auf die Wall of Sound schrille Graffititags. Scheppernde 4/4 stellen sich gegen anbrandende Keyboardwogen, die wie Nebelhörner tuten. Das Finale rockt mit dem Verkehrsfluss, das Fagott sperrt sich knörig dagegen. Wie lässt sich das Besondere mit dem Allgemeinen verkoppeln? So großstädtisch und großartig ist Hernals vermutlich nicht alle Tage.
(Rigo Dittmann / Bad Alchemy)

 

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